Werner Pentz - index
Gitterrätsel

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Aktuelle Kurzgeschichte, in den letzten Jahren veröffentlicht (comming-of-age-story)


Das Schlauchboot (2025)


Bereits am frühen Morgen weckte sie das Familienoberhaupt und deutete gebieterisch auf den grünen Streifen am blauen Horizont: „Das wird heute unser Ausflugsziel sein!“ Eine Insel in dieser weiten See. Er hatte das Schlauchboot aufgeblasen, unterdessen sie hastig einen Muckefuck hinuntergeschluckt hatten. Dann hatten sie gemeinsam das Gefährt an den Strand geschleift und ins Wasser bugsiert.

Der heftig flatternde Wimpel mit der Aufschrift „Kaufhauselite" war ihnen Richtungsgeber.

Am Himmel wurde das Blau plötzlich grau. Der Himmel war völlig bewölkt, Dicke Wolken waren jedoch nicht zu sehen. In der Luft lag der Geschmack von Feuchtigkeit, aber die roch nur, wer mit der Natur vertraut war.

Doch das Boot schwankte gewaltig in den Wellen, die ans Land brachen. Der Vater beschwichtigte: Laut Bedienungsanleitung müsse es Wellen bis zu einem Meter hoch trotzen.

Es hatte jedoch niemand bislang gezweifelt.

Nunmehr aber maulte die Tochter: „Aber ich weiß nicht!" Sie starrte mit gerunzelter Stirn auf das Gummiboot. Es beunruhigte sie noch mehr als sie ohnehin schon war. Zudem fehlte das Ersatzruder, das noch im Kofferraum des Familienvans lag. Ohne es wäre es zu gefährlich, loszufahren.

Wer sollte es holen?

Brauchen wir unbedingt ein Ersatzruder?“ Das war ihr im Grunde egal.

Was glaubst Du? Wenn eines der Ruder bricht und wir befinden uns mitten auf dem See? - Und es kommt Sturm auf! Sollen wir dann vielleicht mit den Händen rudern?“, sagte er mit rauer Stimme.

Widerwillig gehorchte sie.

Sie hatte es geholt. Die Mutter hatte noch etwas gemurmelt, dass sie dem Schlauchboot auch nicht traue. Was sie aber noch mehr beunruhigte war das Wetter: „Schau dir mal die Wolken dort an!“.

Ach was!“, hatte der Vater barsch erwidert.

Schiff Ahoj!“

Und so schaukelten sie nun zu dritt unruhig in dem kleinen Gummiboot verloren auf fast offener See.

Das Wetter war stürmischer geworden, trotz angestrengten Ruderns kamen sie kaum vom Fleck. In der Ferne winkten die Palmen, aber die Insel wollte doch nicht näher kommen. Sie war einfach viel zu weit entfernt, als sie gedacht hatten.

Sie hielten inne. Sie waren ungefähr in der Mitte des Sees. Zurück oder vorwärts, was war unter diesen Umständen das Vernünftigste? Der Wind schien sich zu einem kleinen Sturm zu entwickeln.

Habe ich es nicht gesagt!“, maulte die Mutter wieder.

Der Vater ruderte zurück: „Woher solll ich das wissen? Bin ich etwa vom Fach? Seemann, oder was?“

Aber ein Zurück gab es nicht für ihn. „Los, los! Weiter!“

Am meisten waren Kind und Mutter außer Atem. Der Familienvater musste nur lenken.

In der Nacht hatte sie wachgelegen und die Viertelstunden-Schläge der nahen, kleinen Kapelle gezählt. „Viertel vor eins!“ Und fast hätte sie den Ein-Uhr-Glockenschlag verdöst. Langsam, Zahn für Zahn öffnete sie hellwach vor Aufregung den Reißverschluss ihres Schlafsacks. Die Eltern durften keinesfalls aufwachen. Sie hörte ihren gleichmäßigen Atem. Leise kroch sie heraus, lief befreit zum Zelt des Freundes.

Guten Abend!“, sagte sie. Sie kicherten darüber. Immerhin war es mitten in der Nacht. Dann gingen sie händchenhaltend zum Strand.

Plötzlich graue Wolken am Himmel.

Verdammt, es wird doch kein Unwetter aufziehen?“, schrie das Familienoberhaupt. Auf der Insel bogen sich schon die Palmen und Segelboote fuhren schnell dort vorbei. „Hilfe!“ Hatten sie richtig gehört? „Danger!“, rief jemand aus der Ferne. Plötzlich erhob sich ein Stimmengewirr wie ein Sturm. „Los, los!“, brüllte der Vater ihnen allen zu, „wir müssen uns beeilen!“

Sie bewegten sich in eine Richtung, die die Tochter gerade nicht einschlagen wollte. Immer wieder blickte sie zu dem violetten Zelt hinter sich. Es hob sich durch seine Farbe von allen anderen ab. Dort wohnte er und seine Eltern. Dort wollte sie am Abend wieder sein. Von dort aus würde sie wieder mit ihm zum Strand schlendern.

Das Boot bekam eine Seitendrift. Die Tochter hielt nach jedem Ruderschlag kurz inne, - Blick zum Zelt - und ruderte dann wieder weiter. Die Mutter musste mit kräftigen Ruderschlägen gegensteuern. Ihr Plastikruder brach. Der Vater beschimpfte sie: „Du musst uns natürlich jedes Mal den Urlaub vermiesen!“

Die Tochter raunte leise: „Vielleicht ist es der letzte!“ Sie hörte auf zu rudern.

Morgen früh würde er zurückfahren. Heute Abend würde die letzte Gelegenheit sein, gemeinsam an den nächtlichen Strand zu gehen. Oh, wie sie die warmen Wellen liebte, wenn sie sich vor ihren Füßen brachen und über ihre Beine ergossen. Die Fuße wurden umspielt im feuchten Sand, die Zehen umschlossen, woran die Sandkörner kleben blieben.

Wie hypnotisiert starrte sie in die wogenden Wellen.

Er war der erste Junge, den sie mehr als mochte. Ein toller Typ. Nicht eitel, nicht eingebildet, kein Sprücheklopfer. Und sie mochte es sogar, wenn er sie berührte, seinen Arm um sie legte, seine Hände in ihre. Das nannte man doch Liebe, oder? Ja, nun konnte sie endlich lieben. Oh, das waren schöne Gefühle!

Der Vater schaukelte das ganze Boot, um seine Tochter aus dem Träumen zu reißen und schrie: „Elfriede, willst du, dass wir hier ersaufen?“

Vielleicht!“, entgegnete sie ihm störrisch.

Das Ersatzruder war aus dem Seitenteil des Bootes gezogen und befestigt worden. Es konnte weitergehen.

Zärtlich hatte er den Arm um sie gelegt und sie hatte die Augen schließen müssen, um die Schauer zu ertragen, die ihr über den Rücken liefen. Nicht einmal das Rauschen der Wellen hatte diese Wahrnehmung verschluckt. Die See schien weit, weit weg zu sein.

Auch das Ersatzruder brach entzwei, Wasser strömte herein.

In der Ferne verschwand das Zelt des Freundes im Wasser.



Ich Schafologe (2000)


Meine Mutter und sie musste es schließlich gewusst haben, hatte mich ja immer schon vor Mädchen gewarnt.

In den letzten Jahren hatte ich zwar vermehrt Kontakt zu ihnen. Aber in jüngster Zeit verschwanden sie auch wieder so schnell wie sie kamen. Mir verwirrte sich bei diesem Wechselspiel ganz der Sinn.

Besonders interessant war es freilich, traf man erneut mit ihnen zusammen. Ich kann es mir zwar nicht erklären, weswegen ich immer derjenige bin, der sitzen gelassen worden war, doch würde ich niemals aufgeben.

Ich bot stets die denkbar ärgste Liebesmühe auf, sowie setzte alle erdenklichen Listen, Finten und Schmeicheleien ein, wieder etwas von der allzu entbehrten ehemaligen Zuneigung zu erhaschen.

Nicht nur, dass ich alles an ihnen toll, superb, fantastisch, umwerfend, hinreißend, hinweg spülend, einmalig, typisch, cool, geil, schön, lecker, ultra, ultimativ, massiv, produktiv, positiv, genial, super, unbeschreiblich weiblich, was weiß ich nicht alles, fand, meine äußerste Entblödung machte sogar davor nicht Halt, der Art eines Kavaliers gemäß, zu schwören, ihr es zu verzeihen, dass sie aufgehört habe, mich am meisten auf der Welt zu lieben. „Das hindert mich ja nicht, dich weiter zu lieben!“, brachte ich es auf den Punkt.

Somit hatten die Mädchen natürlich freie Wildbahn, unbeschränkte Suhle und Futterneid niemals.


Selbstvergessen rezitierte sie ein Gedicht: "Es ist nicht mehr diese in dir gesenkte Schwere."

Ich musste etwas sagen, musste Worte erheben, auch, damit ich das Gefühl bekam, dass sie mich jetzt überhaupt wahrnahm, spürte und hörte: „Handelt es sich um einen Mann? Um mich vielleicht?"

"Es ist ein anderer."

"Wer? Sag es schon!", rief ich laut und empört. Denn Neid, Eifersucht, Misstrauen verbreitete sich wie ein Virus in meiner anschwellenden Blutbahn.

"Vielleicht nennst auch du mich einmal so...“ Endlich wachte sie über meine vorlaut geäußerten kessen Worte wie aus Trance erwacht auf und rief verärgert: „Du Schafskopf, das ist ein Gedicht von mir!"

"Oh! Daran hatte ich allerdings nicht gedacht.", vergrub ich mich reumütig wie eine Schnecke ins Hornhaus, weil man sie zu unsanft an den Fühlern gestoßen hatte.


Bald jedoch steckte ich wieder meinen Kopf aus dem Spiralenhaus hervor, um einer anderer Taktik folgend nun vorerst einmal Schuldgefühle zu wecken, wo da welche sein mochten.

Ich behauptete beispielsweise doch einfach dreist, sie liebe mich nur noch mit halben Herzen.

"Ach, Schaf!", enteilte meiner Verflossenen ein tiefer Seufzer.

Doch blieb ich am Ball mit der Unterstellung, ihr Herz sei ja mittlerweile von einem ganz anderen besetzt, in Schach gehalten und belagert, dass für mich keine noch so kleine Kammer darin mehr frei sei.

"Am liebsten wäre mir natürlich, könnte ich euch beide lieben!“, räumte sie jetzt ein. Hoffnung und Jubel keimte in mir auf: auch für mich war noch ein Quadratzentimeterchen übriggeblieben.

Doch wie zur Warnung hob sie den Zeigefinger, das Mahnzeichen für die Schwachen und Kleinen: „Wobei mir aber keiner fremdgehen dürfte!“ Auch das wäre mir recht gewesen, Treue selbst unter diesen Umständen, wo ich sie nur halb hätte besitzen können. Mir wäre jede Bedingung Recht gewesen, zweifelsohne.

Aber, ach!“, seufzte sie nun und begann ganz offen die Treulosigkeit ihres Derzeitigen zu beklagen, während ich jetzt meine Stunde gekommen sah und nicht unmüßig blieb, frech das Feuer für unsereinen zu schüren, indem ich zum Vergleich meine Person als die Bessere hinstellte.

"Ja, du bist mein treuestes und bravstes Schaf" gab sie mir Recht.

"Gell, und wie brav?!"

"Ja, so brav, dass du es allen zeigen könntest."

"Du meinst, ich könnte glatt meine Bravheit weitervermitteln, am Ende einen Lehrstuhl für Schafologie besetzen."

"Oh ja, dann fragst du die Leute, sitzen sie alle vor dir: Wer will auch so ein großes Schaf werden wie ich?"


Am Dienstag hätte ich Zeit gehabt um „Einmal-miteinander-zu-gehen“ (2020)


Ich hab, obwohl ich schon in einem solchen Alter bin, wo man eine Freundin haben sollte, keine.

Leider.

Meine Freunde und Bekannten ermahnen mich in letzter Zeit immer wieder, dass es jetzt endlich Zeit würde. Zeit wofür, frage ich zurück? Meist räuspern sie sich zunächst, dann kommen sie heraus mit der Katze aus dem Sack, wenn es auch klingt, als ginge die Katze immer noch vorsichtig tappend um den heißen Brei: Ich solle endlich mal mit einer gehen.

Okay, ich bin ein langsamer Typ, ich weiß das, bedächtig, vorsichtig und wohlüberlegt. Vielleicht auch ein wenig zu überromantisch. Das ist vielleicht mein Fehler bei diesem Unterfangen „Einmal-miteinander-gehen“ und so kommt es, weil ich doch bestimmt schon einmal mit einer gegangen wäre, ohne dass mich die lieben Mitbürger dauernd dazu hätten auffordern müssen.

Aber so dumm bin ich nun auch wieder nicht, dass ich tue, was andere sagen. Ha, ich springe nicht gleich ins Wasser, wenn’s einer befiehlt. Ich habe schon gründlich in mir geforscht, ob du das auch wirklich willst oder ob du es nur deswegen machst, weil dieses Verhalten anderer von dir erwarten: So bin ich also solange und so tief in mich gegangen, nachgeforscht, nachgeguckt, bis ich hab feststellen müssen: Mensch, Willi, eigentlich würdest du doch wirklich mal gerne „Mit-einer-gehen“, jawohl. Mensch Willi, hab ich weiter zu mir sagen müssen, das war doch schon seit sehr, sehr langer Zeit dein innigster Wunsch immer gewesen. Also, wenn, wann nicht jetzt?

Und weiter hab ich mich gefragt in diesem Zusammenhang: Warum eigentlich hat es bis jetzt noch mit keinem Mädchen geklappt, Willi, obwohl, wie gesagt, es dir eigentlich schon seit so langer Zeit auf den Nägel brennt, „Mal-mit-einer-zu gehen“? Wenn, wenn, ja wenn du nicht gar so überromantisch, zu frauenfreudlich, ja bis frauenverehrrend gewesen wärst, oder wie man das heutzutage halt nennt, bin ich zum vorläufigen Schluß gekommen.

Zeit hab ich mir nämlich keine mehr gegönnt, denn ich hab mir gesagt: Da hilft nichts, du musst sie einfach mal ansprechen, damit du jetzt endlich auch „Mal-mit-einer-gegangen-bist“, jawohl, hab ich meine Hin- und Herüberlegungen schroff beendet.

Bei meinem Mit-mir-ins-Gericht-gehen musste ich auf einmal wie aus heiterm Himmel geschossen, wie der Blitz ins Dach einschlägt eben, heftig, unerwartet und brennend, panikartig eingestehen – hm, wie soll ich es nur ausdrücken. Ich gebe einfach meinen Gedankengang dabei unverfälscht und unkommentiert wieder: nicht nur nicht so: Wirklich ist es so, dass mir schon die ein oder andere gefallen tät; nein so: eine tät mir sogar sehr gut gefallen!

Denn es ist nicht so, dass mir Mädchen, Frauen und Vertreterinnen des anderen Geschlechtes nicht gefallen würden, so ist es auch wieder nicht. Aber es hat mich dann doch sehr überrascht, dass mich plötzlich eine total in ihren Bann geschlagen hat. Nicht lange überlegen, warum fragen, wieso und weshalb und woher alles kommt, ich hab sie angerufen und ihr gesagt, dass sie mir gefiele und dass ich gern mit ihr gehen möchte.

"Ja", hat sie sich einverstanden erklärt.

Ich war froh, dass sie nicht „Warum“ gefragt hat, denn damit hatte ich beinahe gerechnet. Aber stattdessen hat sie sich erst einmal, wenn auch kichernd und lachend nach meiner Person im genaueren informiert. Wer ich sei, woher ich komme, wohin ich gehe? Anständig, artig und geduldig habe ich ihr so erschöpfend wie möglich Auskunft gegeben.

Ich hatte schon damit gerechnet und war nicht wenig überrascht, dass dann diese Frage gekommen ist, was auf eine gewisse Selbstbezogenheit und Selbstliebe von Mädchen schließen lässt, von denen ich schon gehört, gelesen und geredet gehört. Nämlich, warum gerade sie?

Bei allen erdenklichen Fragen erschien mir diese auch als die schwierigste zu beantwortende, so dass ich mir schon eine diplomatische Antwort zurecht gelegt hatte, denn ich weiß schon, was ich im rechten Moment an der rechten Stelle Rechtes zu sagen habe.

Ich wolle ihr dies ausführlichst bei unserem „Einmal-miteinander-gehen“ schildern, darlegen und unterbreiten, wie auch immer. Es sei zunächst einfach dringend und pressant, dass ich „Einmal-mit-ihr-ginge“, insistierte ich weiter. Ich wüsste zwar momentan recht keine Antwort auf ihre Frage, vielmehr war ich verlegen, hierfür die richtigen Worte zu finden, weil ich solche noch nicht in Funk, Fernsehen und Presse gehört habe, aber kommt Zeit, kommt Rat, kommt Attentat. Notfalls müsste ich doch mal einen Arbeitskollegen fragen, einen, der sich besonders gut auskenne bei Frauen, wie er nimmermüde war, zu behaupten.

"Wir könnten uns schon mal treffen, um miteinander zu gehen", hat sie also die Absolution erteilt.

Mit "Gut" hab ich die Sakramente empfangen. Momentan weiß ich auch nicht, wieso mir hier Begriffe aus dem klerikal-liturgischen Bereich einfallen... Da müsste ich auch einmal einen Bekannten fragen, der sich da gut auskennt...

"Hast Du am Montagnachmittag Zeit?", habe ich jedenfalls ein Mann-ein-Wort resolut vorgeschlagen.

"Warum nicht?", hat sie freundlich und gar nicht mehr kichernd, lachend oder herumalbernd erwidert. Ich muss schon sagen, dies hat mir dann schon imponiert, diese Ernsthaftigkeit. Sie hat wohl gemerkt, wie ernst es mir war mit dem „Einmal-mit-einander-gehen-wollen“ für mich.

So hat sie auch keine weiteren, unnötigen Worte mehr gemacht: "Am Montag können wir uns treffen und miteinander gehen!" und aufgelegt.

Uff, hab ich geschrien, einerseits vor Freude, andererseits vor Erlösung, und den Hörer so schnell wie selten auf die Gabel geknallt. Es hätte mich nicht gewundert, wenn das Plastik unter meinen Händen wegschmolzen gewesen wäre, so ins Schwitzen wie ich gekommen gewesen bin. Aber der Telefonhörer war noch völlig unverbogen.


Ich hab dann meine Freunde gefragt, ob das normal ist, wenn man am Telefon anfänglich unheimlich arg zu schwitzen anfängt, bevor man das erste Mal einmal mit einander geht?

Wir waren gerade in der Frühstückspause, beim Vespern, wo solche Themen am besten angebracht sind. Eine Bombe explodierte gerade nicht, aber ein Wecker jedenfalls rasselte schrill: Alle waren sofort wach, das merkte ich sofort, obwohl ich meine Augen wie immer auf der Tischplatte geheftet hielt, um einmal ja nichts Bröselmäßiges auf den Boden fallen, dann zu übersehen, schließlich am Ende dann verkommen lassen zu müssen, was nicht sein musste zu sein und zweitens, weil ich das halt immer tat, was ich gerade da tat, vor allem, wenn ich Fragen stellte, wie heute, was ja ganz normal ist, die mit einer gewissen Unsicherheit und Neuigkeit verbunden sind.

Normalerweise bin ich nicht so offenherzig und frei gegenüber den Kollegen, aber mir ist doch das Ganze ein bisschen misteriös vorgekommen. Ja, unheimlich wäre auch ein passendes Wort. Komisch, träfe es auch, wobei ich es nicht schlecht bewerten will, was da passiert war. Nachdenklich stimmend, ja genau, das trifft den Nagel am genauesten auf den Kopf.

Nicht dass ich vermute habe, ich sei krank geworden, psychisch krank, halt neurotisch, wie dies das moderne Lexikon in solchen Fällen einem belehrt, man dazu zu sagen hat. Der Grund lag darin, das sie es ja waren, die mir dringenst ans Herz gelegt haben, dass ich endlich mal mit einer ginge. Dafür mussten sie mir jetzt auch Auskunft geben, das waren sie mir pflichttunlichst schuldig, dafür mussten sie mir jetzt gefälligst Auskunft zollen, fand ich. (Zugegeben wusste ich auch nicht so recht, wohin mich wenden; und ich musste, musste Information erhalten, nur um den Neuigkeitswert dieser Information abzuhaken, versteht sich.)

Ich hab sie also gefragt, ob ihnen dies auch passiert ist, wo sie das erste Mal ein Rendevouz vereinbart hatten zwecks Einmal-miteinander-gehens? Die Freunde haben sofort aufgehört zu kauen, haben Ohren gemacht wie die Hasen aus ihren Löchern und Stielaugen, als sauste gerade über sie ein Sternenschweif hinweg.

Ich bin mir zwar ein bisschen misstrauisch vorgekommen - sicherlich - fraglich, ob dieses Misstrauen berechtigt war meinen Kollegen gegenüber, zugegeben, die ja wirklich nur das beste von mir wollten, wie sie unermütlich beteuerten, was ich ihnen auch unumwunden glaubte – jedenfalls, je mehr ich wahrnahm, desto schäbiger bin ich mir vorgekommen, hab mich regelrecht in Grund und Boden geschämt, wie ich da aus meinen Augenwinkeln von unten herauf geluchst habe, was die da solche Verengungen unternahmen und Verkrampfungen veranstalteten, als sei meine Beharrlichkeit hinsichtlich der Erfüllung meines Wunsches schon lästig und verbissen zu bezeichnen, als könnten sie es fast nicht mehr hören. Zugegeben habe ich sie schon einiges gefragt, was es dazu zu fragen gab. Aber das, was mir da zugestoßen ist und jedem zustieß, wie sie schließlich behaupteten, hatten sie mir nicht erzählt gehabt.

Nur gut, dass sie mich schließlich dann beruhigen konnten. Das sei völlig normal, ihnen auch so ergangen, alles paletti. Schweigen. (Typisch für sie übrigens.)

Ich habe mich deswegen auch beruhigen lassen, weil ich mich neben dem Lexikon auch noch in einer Jugendzeitschrift schlau gemacht hatte. Darin ist dieses „Symptom“ auch als völlig normales Anzeichen der Vorfreude beschrieben worden.

Vorfreude ist aber gar kein Ausdruck. Bei mir war da noch viel, viel mehr im Spiel. Wegen des Handflächenschweißes hätte ich es auch nicht getan, auch nicht wegen dessen, dass das auch dauernd in Jugendzeitschriften beschrieben wird, und schon gleich gar nicht, weil alle meine Bekannten, Verwandten und Freunde mich dazu drängten.

Erstens war ich noch niemals mit einer einmal gegangen gewesen, und als Mann von Welt wollte ich fast alles einmal gemacht haben, ergo auch „Einmal-miteinander-gehen“.

Zweitens machte mir das Unheimliche daran mittlerweile furchtbar viel Spaß: wann hatte ich schon einmal einen Schweißausbruch gehabt? - unendlich lange her. Was würde da noch kommen? – Dinge, von denen du keine Ahnung hattest, weil welche nicht in den vielen Jugendzeitschriften, die du gelesen hattest, gestanden waren. Würde ich rechtzeitig angemessen reagieren können, mir Worte fehlen, ja, würde ich gar die falschen benutzen, sprich, so nicht gefasst darauf sein, dass mir die richtigen diplomatischen Redewendungen einfielen? Unausdenkbar, nein, so ist es richtig formuliert: es war nicht auszudenken!

Drittens, das ist der Vorgriff auf das Folgende, wollte ich, wenn ich schon einmal etwas machte, es auch perfekt machen. Perfekt – sagte ich das schon? – ist mein Lieblingswort!

In diesem Falle war die Erfüllung der Perfektion geradezu ein Kinderspiel. Alle Eventualitäten mussten nur berücksichtigt werden, dann würde es das schönste Einmal-miteinander-gegangen-sein für sie und mich bedeuten. Vielleicht ließe sich dadurch auch ein Zweites-miteinander-gehen herausschlagen, wäre es nicht zu schön, um war zu sein, sofern es Spaß bereitete, mit einem Mädchen einmal zu gehen. Das wusste ich nicht, noch nicht.

Aber alle Vorkehrungen dazu treffen, dass es glatt über die Bühne ging, darin setzte ich meinen Ehrgeiz zunächst unbedingt.


Am Sonntag bin ich dann in den Wald gegangen, um den Weg abzulaufen, auf den ich mit ihr wandeln würde.

Ich hab mir die Stellen eingeprägt, bei der ich links von ihr ginge, wo sie ansonsten hätte Gefahr laufen können, die Böschung hinunterzustürzen oder rechts von ihr, damit sie sich nicht an einem herunterhängenden Ast stieße. Jede Wurzel, die aus dem Boden ragte, habe ich mit einem weißen Stein markiert. An den Stellen, an denen wir uns ausruhen würden, hab ich unterm Gebüsch oder im Dickicht etwas zum Wegverzehr versteckt.

Als der Montag kam, ist sie dann nicht gekommen.

Ich hab einige Zeit verstreichen lassen und dann, ich glaube am Donnerstag, hab ich sie angerufen und gefragt, warum sie nicht gekommen sei, damit wir mit einander gingen.

Am Montag wäre etwas dazwischen gekommen, hat sie gesagt.

"Aber am Dienstag hätte ich Zeit gehabt, um mit dir einmal zu gehen!"




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